VON DER KÜNDIGUNG
zum neuen Vertrag
Menschen, die bei Abo-Hilfe landen, suchen meist nach einer schnellen Lösung für ein nerviges Problem: ein Streaming-Abo, das sich nicht kündigen lässt, ein Fitnessvertrag, der trotz Kündigung weiter abgebucht wird, oder ein Dating-Portal, das sich stillschweigend verlängert hat. Auf der Startseite steht das Versprechen, das sie dort hinzieht: „Wir kündigen für Sie: schnell, rechtssicher, ohne Papierkram.“ Der Rückruf kommt prompt, doch am anderen Ende sitzt kein Verbraucherberater, sondern ein Vertriebsmitarbeiter mit einem klaren Ziel. Statt die Kündigung abzunehmen, beginnt ein Verkaufsgespräch.
Viele Ratsuchende legen auf mit dem Gefühl, sie hätten gerade etwas bestätigt. Was genau, wissen sie oft nicht mehr. Sabine R. aus Erfurt erzählt: „Ich wollte einen Vertrag kündigen. Aufgelegt habe ich mit drei neuen.“ Später wandte sie sich an eine Verbraucherzentrale.
VIER MARKEN,
ein Muster
Abo-Hilfe ist kein Einzelfall. Recherchen in Handelsregistern, Impressen und AGB zeigen ein enges Geflecht aus vier Marken, die sich gegenseitig bewerben, weiterempfehlen und mit Aufträgen versorgen: Simplyright als Rechtsschutz-Abo,Smartkündigen als Zweitmarke mit identischer Mechanik,Inkassohilfe für den Forderungseinzug innerhalb des Netzwerks und Abo-Hilfe selbst als Kündigungsportal mit Rückrufservice. Wer bei Smartkündigen anruft, bekommt ein Angebot für einen Rechtsschutz von Simplyright. Wer bei Abo-Hilfe zögert, bekommt kurz darauf Post von Inkassohilfe. Die Logos wechseln, der Ablauf bleibt derselbe.
Im Zentrum des Netzwerks stehen drei Brüder, die in Handelsregisterauszügen als Geschäftsführer oder Gesellschafter der beteiligten Firmen auftauchen. Ihre Namen sind in der Öffentlichkeit kaum bekannt, die Umsätze ihrer Gesellschaften dagegen schon: Einzelne Bilanzen weisen jährliche Erlöse im einstelligen bis zweistelligen Millionenbereich aus. Auf schriftliche Anfragen zu Beschwerdequoten und Rückabwicklungen hat die Pressestelle bis Redaktionsschluss nicht geantwortet. Telefonische Nachfragen wurden nach kurzer Rückfrage beendet.
Aus einer Kündigung werden drei Verträge.
und ein Inkassoschreiben obendrauf.
DIE MECHANIK
der Abofalle
In Dutzenden Erfahrungsberichten zeichnet sich ein ähnlicher Ablauf ab. Nach der Rückrufbitte wird erklärt, die Kündigung könne nur „rechtssicher“ über einen kostenpflichtigen Mitgliedsbereich laufen. Zwei Wochen gratis, danach 6,90 Euro im Monat, gebunden an eine Laufzeit von zwölf Monaten. Die kostenlose Frist vergeht, die Erinnerungs-Mail kommt nicht an oder landet im Spam-Ordner. Auf dem Konto erscheint eine Abbuchung von einem Zahlungsempfänger, den niemand sofort zuordnen kann. Wer das Geld zurückbuchen lässt, bekommt Post von Inkassohilfe mit einer Forderung, die deutlich höher ist als der ursprüngliche Betrag. An diesem Punkt hat sich das ursprüngliche Problem nicht gelöst, sondern vervielfacht.
Betroffene berichten von freundlichen Mitarbeitern, die alles Mögliche anbieten, von Häkchen, die angeblich gesetzt wurden, und von Verträgen, die niemand so richtig versteht. Ilka aus Bremen erzählt: „Als ich zurückbuchen ließ, kam zwei Wochen später ein Inkassoschreiben über 189 Euro. Erst die Verbraucherzentrale hat mir gesagt, dass ich das nicht zahlen muss.“
DAS KANN MAN
jetzt tun
Wer in diese Abofalle geraten ist, hat mehr Handlungsspielraum, als es zunächst aussieht. Verträge, die am Telefon zustande gekommen sind, lassen sich in der Regel nach dem Fernabsatzwiderrufsrecht innerhalb von 14 Tagen widerrufen. Wurde nicht ordnungsgemäß über das Widerrufsrecht belehrt, verlängert sich diese Frist sogar. Verbraucherzentralen sammeln seit Monaten Fälle rund um dieses Netzwerk, und die Wettbewerbszentrale hat bereits einzelne Portale abgemahnt. Betroffene sollten den Schriftverkehr sichern, die Rückbuchung dokumentieren und Ruhe bewahren: Ein Inkassobrief ist keine Rechnung, die man widerspruchslos begleicht.